Der frühe Vogel wird auch nicht immer satt, das muss ja mal gesagt werden. Allerdings bin ich kein Vogel, denn dann würde ich fliegen, statt den Schienenweg zu nehmen. Ich lasse meine Exkremente auch nicht auf Ästen sitzend auf Passanten fallen und beginne zu nachtschlafender Zeit damit, irgendwelche Parolen zu grölen oder zu tirilieren. Und dennoch bin ich immer froh, dass ich einen Hauch Disziplin gepachtet habe, dass ich bereits sehr früh unterwegs bin, mich auf die Heimreise gemacht habe, um heute viel zu bewegen und Stichpunkte auf einer Liste abzuhaken. Da liegt noch einiges vor mir, lauter so kleiner Kram, der nicht nur erledigt werden will, sondern erledigt werden muss. Vermutlich liegt es am Zwang, dass mich das nervt. Vermutlich. Ich bin kein Psychologe, ich bin irgendetwas anderes - aber kein Vogel. Trotz der frühen Stunde.
Ich gebe zu, dass ich Bedenken hatte, aber ich muss mir wieder einmal vorwerfen, dass ich mit meinen Vorurteilen vollkommen falsch liege oder lag. Düsseldorf wollte einen bunten Abend erleben und ich denke, das haben due Zuschauer im Pretty Vacant auch bekommen. Angeführt von einem wirklich fähigen Moderatoren-Duo bestehend aus Dennis Seifert und Alexander Bach rollte der Wort-Express unaufhaltsam vorwärts. Dass ich aufgrund meiner Präferenzen vor allen Dingen Catherine de la Roche und Necip Respekt zollte und zolle, ist vermutlich jedem klar, der mich mal erlebt hat. Dass Necip sich abseits seiner Comedy-Pfade bewegte, wog da im Grunde noch schwerer und verdient mehr als einen simplen Handschlag und eine Verneigung. Aber Poetry-Slam ist eben auch Vielfalt, ohne den Humor von David Meiländer, Maximilian Humpert oder Neueinsteigerin Laura kann auch kein ernster Text den Raum und die Bedeutung bekommen - Kontraste sind eben wichtig. Im Übrigen ist eine Riesenflasche Sekt wesentlich schwerer als eine Buddel Kölsch. Eine gewichtige Erfahrung, zweifelsohne.
Und, ja, ich bin ein Schneeengel, keine Frage. Ob nun Münster oder Düsseldorf - wo ich bin, schneit es. Vielleicht liegt es auch daran, dass es derzeit überall schneit, aber diesem Gedankengang mag ich mich nicht hingeben, weil er mir die Illusion raubt, dass ich auf einer Mission unterwegs bin, das Land in schlichtes Weiß zu hüllen. Und Missionen sind wichtig, nicht nur für Agenten.
Grüße. An Andreas Weber, an Quichotte, an Özlem und Bente und Sara und Flo und Keno und an den Marian ja ohnehin. An Catherine, an Sigrid und das beste Nachtlager Düsseldorfs, an Alexander und Dennis sowie an die lauschenden Besucher des Cuba Nova und des Pretty Vacant. Wir sehen uns alle wieder. Keine Frage.
Und irgendwann, irgendwann kommen sie, und holen mich ab. |
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Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen.“Die Wahrheit”, sagt mein Bruder, “die Wahrheit ist die beste Lüge, denn niemand wird dir glauben.” Niemand wird mir glauben, davon bin ich überzeugt, aber ich habe mir sein jenem Abend selbst versprochen, nur noch die Wahrheit zu sagen. Nichts anderes als die Wahrheit, auch wenn mir kein Gott helfen kann. (aus "Feuerbrüder")
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